Beitrag vom MDR, Sonntag, 19. April 2009

Rückschau: Christoph Schlingensief - "So schön kann's im Himmel gar nicht sein"

Christoph Schlingensief arbeitet viel und gern. Er schöpft aus dem, was ihn bewegt. Seine Kunst lebt von seinen Erfahrungen. Das hat er immer schon so gemacht - und jetzt erst recht: 15 Monate ist die Krebs-Diagnose her. Dieses aufwühlende letzte Jahr durchlebt er wieder und wieder. Eine Pause von der Krankheit gibt es nicht. "Ich kann nicht mehr normal sein. Ich kann nicht mehr normal Leute angucken. Ich kann nicht mehr normal 'Hallo' rufen oder einfach so durch die Gegend latschen", so Schlingensief. Er denkt auch nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus weiter darüber nach, sein Leben zu ändern

Arbeit und Verarbeitung

Arbeit als Möglichkeit, sich der Krankheit zu widersetzen? Davon spricht Christoph Schlingensief auf der Bühne - und nun auch in seinem Buch. "Am Anfang der Krankheit hab ich mir Gedanken gemacht was das jetzt bedeutet, wenn ich das bekomme. Ob ich dann vielleicht darüber mal ein Buch schreibe, habe ich mir überlegt", sagt Schlingensief. "Dass das so ein Buch wird, das habe ich mir gar nicht vorgestellt. Dass ich da plötzlich was ins Diktiergerät hineinspreche was keine Literatur ist sondern wirklich zeigt, wie so ein Körper in Angst gerät, wie ein Mensch einen Frontalzusammenstoß hat oder einen Absturz erlebt und dann wieder versucht, sich zu bekriegen. Und dann wieder abstürzt und weitermacht, auf andere hofft, andere ihm helfen. Das sind alles Sachen, die viel wichtiger geworden sind. Deshalb habe ich auch eine andere Zeitrechnung.“

Man verliert seine Autonomie

Auf der Bühne lässt Schlingensief Filme laufen, die ihn als Kind zeigen. Im Stück „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ hört man die Texte, die er kurz nach der Diagnose aufgezeichnet hat. Texte, die jetzt in seinem Buch nachzulesen sind. Wer ist man gewesen und wer ist man jetzt? Die eingesprochenen Gedanken sind ergreifend. "Das ist unbegreiflich, was das Schicksal da macht“, sagt Schlingensief. Seine Aufzeichnungen, die nun als Tagebuch erscheinen, kreisen um die Fragen: Warum das alles jetzt? Und: Wie der lebensbedrohlichen Krankheit begegnen? Was tun? Schlingensief beschwört nicht nur sich selbst und den Krebs in sich, sondern fordert Gesunde wie Kranke auf, nicht zu verstummen. Mit seinem Tagebuch einer Krebserkrankung lässt Christoph Schlingensief teilhaben an seiner eindringlichen Suche nach sich selbst, nach Gott, nach der Liebe zum Leben.

Er selbst hört nicht auf zu sprechen - mit sich selbst, mit seiner Lebensgefährtin, mit Freunden, Familie, mit Gott. Ohnmacht, Angst und Zuversicht wechseln einander ab. "Ich habe in der Krankheitsphase ganz viele Leute gesehen und getroffen, die das auch haben. Und mittlerweile ist ja jeder dritte mit Krebs zugange", so Schlingensief. "Es ist ein Irrwitz wenn man anfängt nachzufragen, wie viele Leute das haben. Was da an Elend abgeht und was da an Katastrophen auch im Familiären ist, und was in der eigenen Psyche kaputt gemacht wird, weil man natürlich auch seine Autonomie verliert, darüber will ich eigentlich gerne berichten." Allein und doch nicht! Christoph Schlingensief spricht, wo die Worte fehlen. Sein Buch: "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein" ist ein unerhört offenes und unerschrocken ehrliches Dokument seiner Krankheit.

Viele offene Fragen

Schlingensiefs Arbeit, sein Leben und seine Krankheit sind zu einem untrennbaren Ganzen verwoben. Das ist auch in seiner jüngsten Inszenierung so. Alles ist sehr persönlich und berührt doch unmissverständlich Fragen, die uns alle angehen: Beschäftigen wir uns überhaupt noch mit unserer Endlichkeit? Was ist mit unserem Leben gerade dann, wenn wir aus der Bahn geworfen sind? Wissen wir in jenen einsamen Momenten, was wir tun und an wen wir uns wenden können? "Ich glaube es hilft mehr, diesem geschockten Wesen mit einer ganz einfachen Fibel zu begegnen, wo drin steht, wie man autonom bleibt, welche Punkte man jetzt wissen muss und wo auch keine Angst und Schrecken verbreitet werden", so Schlingensief. "Mir hätte schon irgendeine Anlaufstelle geholfen, wo ich sage: Wie kann ich vielleicht zunehmen? Wo kann ich einen Psychiater finden, der mir hilft und nicht die ganze Zeit weint? Oder wie kann ich jemanden in meiner Verwandtschaft offen auf das Thema ansprechen? Es bedarf einer Hilfe in den ersten vier Wochen." Neben seinem Buch und seinen Theaterstücken beschäftigt sich Christoph Schlingensief auch auf einer eigenen Homepage mit den offenen Fragen.

Literatur  

Christoph Schlingensief
"So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung."
Kiepenheuer & Witsch, 2009
ISBN-10: 3462041118
ISBN-13: 978-3462041118
18,95 EUR

Offizielle Homepage „Christoph Schlingensief“: http://www.schlingensief.com/