Beitrag aus "Hospiz-Dialog Nordrhein-Westfalen

April 2010,  Ausgabe 43 -- Sonderausgabe: PRÄMIERTE PROJEKTE

Ansprechstelle im

Land NRW zur

Palliativversorgung,

Hospizarbeit und

Angehörigenbegleitung

   

   

   

  

Innovationspreis 2009 der

Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Das Ambulante Palliativ-Zentrum Dormagen (APZ) wurde 2009 im Rahmen des Innovationskongresses der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein mit dem zweiten Preis des erstmalig verliehenen Innovationspreises ausgezeichnet. Mit dem auf 3.000 Euro dotierten Preis wurde die vorbildliche Vernetzung aller Akteure aus dem medizinischen und pflegerischen Bereich für eine bestmögliche Versorgung schwerst kranker und sterbender Menschen in der Gegend rund um Dormagen gewürdigt.

Das APZ unter Leitung des Internisten und Palliativmediziners Dr. Udo Kratel ist ein auf die ambulante Palliativmedizin spezialisiertes Netzwerk, in dem derzeit 32 Ärzte und Ärztinnen mitarbeiten. Das APZ kooperiert auf vertraglicher Grundlage hierbei mit den örtlichen Palliativ-Pflegediensten sowie dem Hospiz. Darüber hinaus arbeitet das APZ mit dem Krankenhaus, einer spezialisierten Apotheke und einer Psycho- logischen Psychotherapeutin zusammen. Koordiniert wird das Netzwerk durch eine Palliativ-Pflegekraft.

Das vor zwei Jahren gegründete APZ verfügt über alle wesentlichen Disziplinen, die für die ambulante allgemeine wie auch für die spezielle Palliativversorgung notwendig sind. Zum Leistungsspektrum gehören neben dem Hauptzweck – der 24-Stunden-Bereitschaft zur Versorgung von Palliativpatienten – unter anderem ein Servicetelefon für Patienten und Angehörige, eine zentrale Patienten-Dokumentationsdatei, die Unterstützung der Patienten bei stationären Aufenthalten, regelmäßige Treffen des Qualitätszirkels und die Teilnahme an Fallkonferenzen des Krankenhauses.

Die Jury des Innovationspreises hat sich für das APZ als zweiten Preisträger entschieden, weil es sich in vor- bildlicher Weise der in Deutschland vergleichsweise schwach entwickelten Palliativmedizin und -pflege widmet. In Dormagen wurde mit großem persönlichen Einsatz und ohne größere externe Unterstützung ein nahezu vollständiges Versorgungsangebot geschaffen, das trotz der kurzen Zeit schon auf äußerst ermutigen- de Ergebnisse verweisen kann. Koordination und Vernetzung der Niedergelassenen mit den Pflegediensten und dem Krankenhaus sind auf hohem Niveau etabliert.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein fördert seit 2009 mit der Verleihung des Innovationspreises herausragende Ansätze in der ambulanten medizinischen Versorgung. Mit dem Preis sollen vor allem innovative Formen der Kooperationen von Praxen gefördert werden. Der Preis wird von der Apotheker- und Ärztebank gestiftet und ist mit 10.000 Euro dotiert. Eine hochkompetente und interdisziplinär besetzte neunköpfige Jury konnte zur Auswahl der Preisträger gewonnen werden. Die bei der ersten Ausschreibung 2009 eingereichten Konzepte der Bewerber waren so gut, dass die Jury den Innovationspreis 2009 auf einen ersten (5.000 Euro), einen zweiten (3.000 Euro) und zwei dritte Preisträger (je 1.000 Euro) verteilt hat. 2009 hatten sich insgesamt 17 Kooperationen für den Innovationspreis beworben.

 

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Interview mit Dr. med. Udo Kratel

Ambulantes PalliativZentrum Dormagen

Herr Dr. Kratel, im September 2009 haben Sie für Ihr Ambulantes Palliativ-Zentrum (APZ) Dormagen den Innovationspreis der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein entgegengenommen. Was bedeutet es für Sie und Ihr Zentrum, diese Auszeichnung erhalten zu haben?

Udo Kratel: Zunächst empfinden wir die Verleihung des Innovationspreises an das Dormagener Palliativprojekt als eine bedeutsame Würdigung unseres palliativen und hospizlichen Engagements durch eine externe Jury, die sich ja mit zahlreichen, ganz unterschiedlichen innovativen Entwicklungen in Nordrhein befasst und unserem APZ den 2. Preis zuerkannt hat. Hierbei stehen für mich zwei Aspekte im Vordergrund:

Zum einen ist der Innovationspreis einem integrativen Projekt verliehen worden, das sowohl ärztliche, pflegerische und hospizliche Betreuung umfasst und das „NRW-Rahmenprogramm zur flächendeckenden Umsetzung der ambulanten palliativmedizinische und palliativpflegerischen Versorgung“ auf lokaler und regionaler Basis umsetzt. Der zweite Gesichtspunkt ist die finanzielle Unterstützung in Höhe von 3000,– Euro, die mit dem Preis verbunden war (gestiftet von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank) und die unserem APZ, das bei laufenden Kosten ja in der Startphase keine Einnahmen verzeichnete, als Finanzspritze sehr gut getan hat und die materielle Basis absicherte.

Preisverleihung  

Sie sprechen von einem integrativen Palliativ- und Hospiz-Projekt. Welche neuen Formen der Zusammenarbeit konnten Sie in Ihrem Palliativ-Zentrum realisieren?

Udo Kratel: Es gab eine Pionierphase ab Mitte 2006, in der wir alle lernen mussten, uns auf Augenhöhe zu begegnen; wir, das sind: erst 17, nunmehr aber 40 Haus- und Fachärzte, Hospiz-Koordinatorinnen und -Ehrenamtliche sowie ambulante Pflegedienste mit Schwerpunkt „Palliative Care“. Ich habe seinerzeit zu gemeinsamen Qualitätszirkel- Sitzungen eingeladen, und das war ein völliges Novum in unserem sektoral organisierten Gesundheitssystem, wo wir über dieselben Patienten und ihre Erkrankungen und Probleme aus verschiedenen Perspektiven diskutiert haben.

Die Sektorengrenzen und auch Kommunikationshemmungen zu überwinden, die im übrigen auch zwischen Klinik und niedergelassenen Ärzten bestanden, war die erste große Aufgabe. Und wer eine gute Kommunikation eingeübt hat, kann dann auch eine gute Kooperation entwickeln. Ich möchte an dieser Stelle in dank- barer Anerkennung erwähnen, dass die entscheidenden Impulse zu unserem Projekt aus der Hospizbewegung Dormagen e.V. kamen, unter deren Dach auch die ersten Palliativ-Konferenzen stattfanden und deren Einbindung mir als qualifiziertem Palliativarzt besonders am Herzen lag.

Für viele ist der Ausdruck „Qualifizierter Palliativarzt“ bereits ein Begriff, für einige noch nicht. Können Sie die Hintergründe und die Aufgaben konkreter beschreiben?

Udo Kratel: Ein Qualifizierter Palliativarzt (QPA) bzw. Qualifizierte Palliativärztin hat die Aufgabe, den Hausärztinnen und -ärzten fachlich fundiert zur Seite zu stehen, wenn besondere Probleme auftauchen, z.B. in der Schmerztherapie und bei der Kontrolle sowie Linderung anderer schwerwiegender, den Patienten oder die Patientin belastenden Symptomen. QPAs sind erfahrene Fachärzte (Allgemeinmediziner, Internisten, Anästhesisten u.v.m.) und haben eine spezielle 160- Stunden-Weiterbildung inkl. Einer Prüfung bei der Ärztekammer absolviert. Wir haben hier in Dormagen fünf QPA, die auf der Grundlage der Palliativ-Verträge zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein und nahezu allen Krankenkassen ihre Konsiliardienste anbieten. Dazu zählen auch Hausbesuche, bei denen wir uns bemühen, in Kooperation mit den Hausärzten und Pflegediensten die Therapie zu optimieren, unnötige Klinikeinweisungen zu verhindern, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und insgesamt im hospizlich geprägten Sinne den Schwerstkranken und Sterbenden ein „Leben und Sterben in Würde“ im häuslichen Umfeld zu ermöglichen.

Ich möchte hier nochmals betonen, dass dies nur gelingen kann in enger und vertrauensvoller Kooperation mit allen Netzwerk-Teilnehmern, insbesondere mit den Palliativ-Pflegediensten und Hospiz-Ehrenamtlern, die ja oft viel „dichter am Patienten dran“ sind als wir Ärztinnen und Ärzte. Und da wir in unserer „Mittelstadt“ mit einem Versorgungsrahmen von etwa 100.000 Bürgerinnen und Bürgern kurze Wege haben, ist dies auch recht zügig gelungen.

Worum wurde Ihr Projekt für den Preis vorgeschlagen?

Udo Kratel: Der Innovationspreis wurde 2009 erstmalig von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein ausgeschrieben; Zielgruppe waren niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die innovative Versorgungskonzepte entwickelt hatten. Unser Projekt erfüllte formal alle Voraussetzungen, und so habe ich an einem lauen Sommerabend unsere Erfahrungen und Ergebnisse in einem Artikel zusammengefasst, wobei ich Wert auf die Feststellung lege, dass ich die Bewerbung für das gesamte Palliativ-Netzwerk einschließlich der Pflege- dienste und Hospizbewegung eingereicht habe. 

Ich denke, dass die Jury anhand der Bewerbungsunterlagen erkannt hat, dass wir die oben skizzierten Aufgaben im Sinne einer intensivierten Patientenbetreuung sehr ernst genommen und uns engagiert für den Aufbau tragfähiger Versorgungsstrukturen eingesetzt haben. Innerhalb eines Jahres – und das konnten wir intern per HOPE-Dokumentation evaluieren – haben wir über 70% der Schwerstkranken bis zum Ende zu Hause begleiten können, nur in 30% der Fälle verstarben die Palliativpatienten in der Klinik. Konkret bedeutet dies – neben dem individuellem Aspekt des Lebens und Sterbens im vertrauten Umfeld der Familie – eine Umkehr des bundesweiten Trends bezüglich des letzten Lebens- bzw. Sterbeortes. Aus der Resonanz der begleiteten Patienten und ihrer Familien wissen wir, dass sich die meisten Menschen genau diese würdevolle und fachliche qualifizierte Betreuung am Lebensende wünschen. Und dass dies im Rahmen des APZ Dormagen zusammen mit der Hospizbewegung realisiert werden konnte, hat bei der Jury den Ausschlag für die Auszeichnung gegeben.

Welche Aufgaben sehen Sie in der Zukunft?

Udo Kratel: Die vordringlichste, aber zugleich auch eine schwierige Aufgabe sehe ich in der Implementierung der „Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung“ (SAPV), auf die jeder Bundesbürger seit 1.4.2007 einen gesetzlich verbrieften Anspruch hat und die nur sehr zögerlich in Verträgen umgesetzt wird. Da wir jedoch in der allgemeinen Palliativversorgung nunmehr nachweislich „ausgezeichnet“ arbeiten, gehen wir mit deutlich mehr Selbstbewusstsein und auch praktischen Erfahrungen in die Verhandlungen mit Krankenkassen und KV Nordhrein – das ist auch ein Effekt des Innovationspreises, der uns zu neuen Leistungen anspornt.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Dr. med. Udo Kratel

Internist / Palliativmedizin

Koordinator des Ambulanten PalliativZentrums Dormagen

Burgstr. 8

41540 Dormagen

Tel.: 0 21 33 - 8 10 70

Email: Nitojo2000@t-online.de

-> Link auf "Hospiz-Dialog Nordrhein-Westfalen" April 2010 Ausgabe 43 (PDF - Dokument)

-> Link auf Alpha - Hospizdialog

-> Link auf Alpha-NRW

-> Link auf Das Praxisnetz Dormagen  ("virtuelle Gemeinschaftspraxis")

-> Link auf Ambulantes PalliativZentrum (APZ)  (Teil des Praxisnetzes Dormagen e.V. )

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